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Haasis, Lucas / Menke, Björn Christian: Gepard an Bord. Die (Wieder-)Entdeckung von Siegfried und Roy, in: Ausstellung Tiere an Bord, Deutsches Schifffahrtsmuseum, Leibniz-Institut für Maritime Geschichter Bremerhaven. Erscheinungsdatum: 02.07. 2026. All rights reserved.

Medien
  • Credit: NDL/Bordfotograf MS Berlin, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv
  •  | DSM
  •  | DSM, Inv. Nr.
  •  | DSM, Inv.-Nr. I/05517/91
  •  | DSM, Inv.-Nr. I/10121/06Pos.31
  •  | Eigenes Foto
  •  | Foto: NDL/MS BERLIN, Slg. Weißkopf
  •  | Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv
  •  | Library of Congress, Prints and Photographs Division, photograph by Carol M. Highsmith, photographs in the Carol M. Highsmith Archive, reproduction number: LC-DIG-highsm-12087 (digital file from original), http://hdl.loc.gov/loc.pnp/highsm.12087
  •  | Museum Nordenham, Archiv Rüstringer Heimatbund
  •  | NDL/Bordfotograf M.S. BERLIN, Lloyd Weihnachts-Silvester Reise 1965-66, Slg. Albert Weißkopf
  •  | NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Lloyd Weihnachts-Silvester Reise 1963-64, Slg. Albert Weißkopf
  •  | NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Lloyd Weihnachts-Silvester Reise 1965-66, Slg. Albert Weißkopf
  •  | NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Albert Weißkopf
  •  | StAB 4.24 H.2.a. Nr. 1 Band 6 MS Berlin

Gepard an Bord

Die (Wieder-)Entdeckung von Siegfried und Roy

Von Lucas Haasis und Björn Christian Menke



„Unser Chico“ – Sensationsfund! Neue Fotos von Siegfried und Roy und ihrem ersten tierischen Partner, dem Geparden „Chico“, aufgetaucht.

Foto: NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Der junge Magier Siegfried mit dem Geparden Chico, dem 1. Offizier Weißkopf (l.) und Kapitän Will (r.) auf der Brücke der MS BERLIN: Gibt Chico den Kurs vor?

Foto: NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Fotoalben aus der Privatsammlung von Albert Weißkopf von der MS BERLIN, bereitgestellt von der Enkelin des Ersten Offiziers.

Foto: NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Wer schaut denn da aus der Kiste? So etwas gab es noch nie: ein Gepard in einer Zaubershow – auf einem Kreuzfahrtschiff! Siegfried und Roy machten es möglich.

Foto: NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Who creates wonders like nobody can?

Siegfried & Roy

You know it’s Siegfried & Roy.

Mind Is the Magic, Michael Jackson



Siegfried und Roy waren Weltstars. Magier und Dompteure mit wilden Tieren, berühmt für ihre spektakulären Shows mit weißen Tigern und Löwen.

Sie waren Meister der Illusion und des Pomps, Michael Jackson widmete ihnen einen Song, mehr als 40 Jahre lang standen sie auf der Bühne, mehr als 25 Millionen Menschen sahen ihre Shows. Sie waren das berühmteste Magierduo der Welt.

Doch ihr Weltruhm kam nicht über Nacht. Auch ihre Karriere hat im Kleinen begonnen – an Bord von Kreuzfahrtschiffen des Norddeutschen Lloyd, die von Bremerhaven aus in die Welt fuhren.

Ihren Markenkern trug das Magierduo von Anfang an mit sich: aufsehenerregende Auftritte mit Wildkatzen. Letztlich kann man sogar sagen: Es war ihre allererste Wildkatze, die ihnen zum Durchbruch verhalf.

Der eigentliche Star ihrer frühen Shows war der Gepard Chico.

In dieser digitalen Story erzählen wir seine Geschichte und die seiner Halter – als Teil der Ausstellung „Tiere an Bord“ am Deutschen Schifffahrtsmuseum, Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven.



Ohne Chico hätte es das

Magierduo Siegfried und

Roy nie gegeben.

Podcast Wildes Leben

Der Anfang einer Weltkarriere

Dafür spulen wir zurück an den Beginn der Karriere der Magier und erzählen, wie es zu den ersten gemeinsamen Auftritten kam. Es ist eine Geschichte, die selbst längst zur Legende geworden ist – und sie beginnt in Bremerhaven.

Unweit des heutigen Standorts des Deutschen Schifffahrtsmuseums legten in den 1950er- und 1960er-Jahren die Kreuzfahrtschiffe MS BREMEN und MS BERLIN ab. Auf ihnen begegneten sich Siegfried und Roy zum ersten Mal, noch ohne zu ahnen, wohin diese Reise sie einmal führen würde.

Unsere Geschichte spielt an Bord der MS BERLIN auf der Lloyd Weihnachts-Silvester Reise 1965-66.

Die MS BERLIN auf großer Fahrt: Von Bremerhaven ging es nach New York und wieder zurück – purer Luxus!

Foto: DSM

Leitender Offizier an Bord des Passagierschiffs BERLIN in den Jahren 1965–66 war der Wilhelmshavener Albert Weißkopf (1920-1989).

Ihm verdanken wir heute die einzigartigen neuen Einblicke in die Geburtsstunde der Weltstars.

Albert Weißkopf in Uniform.

Foto: NDL/MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Auszug aus der Musterrolle der MS BERLIN 1965.

Foto: StAB 4.24 H.2.a. Nr. 1 Band 6 MS Berlin.

Weißkopf bewahrte von seinen Reisen umfangreiche Fotoalben auf. In drei dieser Alben finden sich Aufnahmen von Siegfried und Roy.

Die Fotografien zeigen die Magier bei frühen Auftritten mit Chico sowie in Alltagssituationen an Bord des Schiffes.

Dass diese Bilder existieren, kommt einer kleinen Sensation gleich: Jahrzehntelang waren sie nur innerhalb der Familie Weißkopfs bekannt.

Für die Ausstellung stellt seine Enkelin die Fotos nun erstmals zur Verfügung. Sie bringen die Magier und ihren ersten tierischen Partner zurück auf die Bühne.

Chico: der heimliche Star

Die Fotos zeigen den Geparden im Ballsaal, auf der Brücke und auf dem Dinnertisch. Auf der Lloyd Weihnachts-Silvester-Reise war Chico der heimliche Star, um den sich alles zu drehen schien.

Die Aufnahmen bieten einzigartige Einblicke in einen der ersten Auftritte der späteren Weltstars – mit einem privaten Blick hinter die Kulissen an Bord und auf Chico, der alle an Bord begeisterte, aber auch mit großer Ehrfurcht erfüllte.

Fesselnde Momente, festgehalten mit der Leica des Bordfotografen der MS BERLIN und für immer im Fotoalbum von Albert Weißkopf bewahrt.

Es sind Fotos, die es uns erlauben, dem Mythos Siegfried und Roy ein paar Sätze im Kapitel ihrer Geburtsstunde hinzuzufügen.

Chico auf der Brücke – volle Fahrt voraus! Kapitän Will schaut durch ein Fernglas. Wagt er den Blick in die Zukunft?

Foto: NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Chico auf der Brücke mit Weißkopf (l.) und Kapitän Will sowie beim Dinner auf dem Tisch. Weißkopf kommentiert in seinem Album: „Kpt. Will, Siegfried und ich.“

Foto: NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Chico auf dem Sofa – ganz schön zutraulich!

Foto: NDL/Schiff Berlin, FO 02-03_46 © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Auftritt Chico! Siegfried zaubert, Uwe präsentiert, Chico steht kurz vor dem Sprung aus der Kiste, die Band spielt und das Publikum ist begeistert!

Foto: NDL/Bordfotograf MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Zwischen Fakt und Fiktion

Wir erzählen diese Geschichte so, wie sie sich unserer Einschätzung nach zugetragen haben könnte – gestützt auf Fotos, zeitgenössische Berichte und spätere Erinnerungen.

Seit Beginn ihrer Karriere und je länger sie im Showbusiness waren, rankten sich viele Mythen und Legenden um Siegfried und Roy.

So verhält es sich auch in dieser Geschichte: Was ist gesichert, was ist erzählt, was vielleicht nur erinnert oder erträumt? Manchmal ist die Grenze fließend.

Siegfried und Roy waren nicht nur Künstler der Illusion auf der Bühne, sie verstanden es auch meisterhaft, sich selbst zu erzählen – und damit ihren eigenen Mythos zu erschaffen.

Vieles in unserer Geschichte wird Kennerinnen und Kennern vertraut vorkommen, anderes ist neu –beides zusammen gehört letztlich zur Show. Die Verbindung aus dokumentierter Geschichte und erzählter Magie war und ist Teil des Zaubers von Siegfried und Roy.

Genau diese Verbindung trägt auch diese digitale Geschichte über Chico, die Magier und den Beginn einer Weltkarriere an Bord.

Wie es zu dieser Story kam

Anfang des Jahres 2026 kam ich mit Björn Christian Menke ins Gespräch, Schauspieler aus Oldenburg, der sich leidenschaftlich für Kultur und Geschichte interessiert. Wir sprachen über die Ausstellung „Tiere an Bord“ am Deutschen Schifffahrtsmuseum.

Fast beiläufig erwähnte Björn, dass seine Partnerin Catharina Scarlatescu Fotoalben ihres Großvaters besäße, von Albert Weißkopf, 1. Offizier der MS BERLIN in den 1960er-Jahren. In diesen Alben seien Siegfried und Roy mit einem Gepard an Bord zu sehen – in dem Moment war das historische Interesse geweckt.

In den folgenden Wochen erzählte uns Catharina von ihrer Familiengeschichte, wir blätterten uns durch die Fotoalben, verfolgten Spuren in Archiven, sahen Dokumentationen, hörten Podcasts, lasen Literatur und sprachen mit Menschen, die Siegfried und Roy kannten – ebenso wie mit Expertinnen und Experten zur MS BERLIN.

Ein Highlight war das Interview mit Horst Klemmer – in den 1960ern war er der Conférencier und Künstlermanager an Bord der MS BERLIN – der die Magier damals auf dem Passagierschiff 1965 ansagte und heute in Oldenburg wohnt.

An dieser Stelle danken wir Horst Klemmer und allen, die uns bei dieser Recherche unterstützt haben. Der größte Dank aber geht an Catharina Scarlatescu und ihre Familie, die uns die Alben zur Verfügung gestellt hat, gerade weil sie in der Familie einen hohen emotionalen Wert besitzen – wie Catharina berichtet:

Als Kind habe ich fast nur diese Story gehört, … andere Stories hätte ich als Kind vielleicht auch gar nicht so greifen können und in den 90ern waren Siegfried und Roy natürlich sehr berühmt und wenn man da aufgewachsen ist, war das natürlich Thema und sobald man sie im Fernsehen gesehen hat, kam eigentlich immer der Satz, ‚Euer Opa hat Siegfried und Roy nach Amerika gebracht‘ – das war dann immer so, dass man das Gefühl hatte, man nimmt daran teil, an deren Erfolg und deren Geschichte … das hat einen natürlich Stolz gemacht.

Siegfried und Roy waren auf gewisse Weise immer Teil ihrer Familie. Eine Geschichte zwischen Privatalbum und Weltbühne, zwischen Familienerinnerung und nun auch einer Ausstellung.

Gruppenfoto von links nach rechts: Lucas Haasis, Horst Klemmer, Catharina Scarlatescu, Björn Christian Menke

Foto: privat

Die Geschichte von Siegfried, Uwe und Chico

Siegfried Fischbacher (1939-2021) kam aus Rosenheim. Schon früh brachte er sich das Zaubern bei und trat in seiner Heimatstadt auf, doch einer der wichtigsten Auftritte seiner frühen Karriere fand im kleinsten Kreis statt: vor seinem eigenen Vater, der sonst mit Beifall nicht freigiebig war. Die Erfahrung, mit Magie aus dem Alltag auszubrechen und andere zu verblüffen, sollte Siegfried sein Leben lang begleiten.

Roy Uwe Ludwig Horn (1944-2020) kam aus Nordenham, unweit von Bremerhaven. Familie, Jugendfreunde und auch Siegfried lernten ihn zunächst unter seinem Rufnamen Uwe kennen.

Heute erinnert in Nordenham – in Blexen am Fähranleger – eine Stele an ihn.

In seiner Kindheit hatte er es dort nicht immer leicht gehabt. Mitschüler berichten, er habe sich häufig zurückgezogen und viel Zeit mit seinen Tieren verbracht, mit seiner Katze und seinem Hund Hexe – eine enge Bindung zu Tieren, die ihn zeitlebens prägte. Der Zoo war sein Lieblingsort.

Uwe am Strand von Blexen.

Foto: Fritz Frerichs, Rüstringer Heimatbund

Dort begegnete er Chico, dem Geparden, der zu seinem treuesten Begleiter werden sollte. Später berichtete Roy von ihrer innigen Beziehung:

Als ich Chico, einen Gepard aus der Wildnis Somalias, zum ersten Mal kennenlernte, hatte ich das Gefühl, dass es zwischen uns keine Gitter gab. Es entstand sofort eine Verbindung Zitat aus der Dokumentation: Siegfried & Roy. Die Meister der Illusion in 3D

Chico stammte aus dem Bremer Zoo. Uwes Onkel Emil kannte seine Leidenschaft für Tiere und verschaffte ihm als Generaldirektor der Bremer Sparkasse freien Eintritt. Zunächst half Uwe den Tierpflegern, später machte ihm die Zooleitung Chico zum Geschenk. Uwe kümmerte sich liebevoll um ihn: Er führte ihn aus und versorgte ihn. Auf einem Foto sehen wir die beiden gemeinsam am Strand von Blexen beim Ballspielen. Chico war ihm sehr ans Herz gewachsen. In ihrer Autobiografie beschreibt Roy selbst diese Beziehung.

Er war das erste exotische Tier, das ich lieben lernte, und später das Bindeglied zwischen Siegfried, der Magie, und mir. Chico war in der Wildnis Somalias gefangen worden und mit seinen zwei Jahren noch immer nicht zahm […] In der Stille seines Geheges erzählte ich Chico kleine Geschichten und sprach mit ihm von Seele zu Seele.

Chico war Freund und Zufluchtsort für Roy, der – wie sein späterer Partner Siegfried – nach Wegen suchte, der Enge seiner Heimat und seines Alltags zu entkommen. Während der eine in der Zauberei seine Welt erweiterte, suchte der andere die Nähe zu Tieren. Dieser besondere Mix aus Magie und Tierdompteurskunst sollte ihre Karriere maßgeblich prägen.

Der Zauberer Siegfried und der Dompteur Roy hatten beide eine schwierige Kindheit, mit Vätern und Stiefvätern, die ihnen das Leben schwer machten – vielleicht ein Grund dafür, warum in beiden der Wunsch wuchs, die beengte Heimat zu verlassen und in die Welt aufzubrechen.



Erste Schritte an Bord

Ende der 1950er-Jahre heuerten beide jungen Männer auf dem Kreuzfahrtschiff BREMEN an, um die Welt zu sehen: Uwe als Page, Siegfried als Steward. Die Bezahlung war gut, und ihre Aufgabe bestand darin, den Luxusgästen eine angenehme Zeit zu bereiten.

Uwe – knieend – mit Koch und Gästen.

Foto: NDL/MS BERLIN, Slg. Weißkopf , 1963-64

© NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Werner Bresser aus Bremerhaven, damals ein weiterer Page, der sich mit Roy eine 14-Quadratmeter-Kabine teilte, beschreibt im Podcast „Wildes Leben“ den Job so:

Page war eigentlich nur hinstellen, gut aussehen, freundlich sein, mal ein Telegramm wegbringen und am Ende der Reise viel Geld kriegen.

Kreuzfahrten waren damals Ausdruck des neuen Wohlstands, ein sichtbares Zeichen der Wirtschaftswunderjahre. MS BREMEN und MS BERLIN verkehrten in den 1950er und 1960er-Jahren im Liniendienst des Norddeutschen Lloyd auf der Route zwischen Bremerhaven und New York, später auch auf Routen in die Karibik. Allein die Überfahrt von Bremerhaven nach New York kostete so viel wie ein Moped oder ein Schwarzweißfernseher.

MS BERLIN am Südende des Columbus-Bhf Bremerhaven mit Einfahrt Kaiserschleuse.

Foto: DSM

An Bord gab es ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm und gutes Essen.

Bevor Siegfried und Roy an Bord auftraten, war Magie im Unterhaltungsprogramm noch keine feste Größe. Doch Siegfrieds Fähigkeiten blieben nicht unbemerkt. Auf einer Überfahrt von Bremerhaven nach New York entdeckte der Kapitän seine Zauberkünste und ließ ihn vor Publikum auftreten. Von da an wurden Siegfrieds Auftritte Teil des Bordprogramms aus Tanz und Musik: Für eine halbe Stunde durfte der junge Magier zaubern – zunächst mit Kartentricks, später folgten erste Nummern mit Kaninchen.

Foto: NDL/ Pressemitteilung NDL Information SG 02-10-03_1

© NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Die Legende vom ersten Treffen

Der genaue Zeitpunkt, an dem sich Siegfried und Uwe – später Roy – zum ersten Mal trafen, ist heute umstritten. Manche sprechen von 1959, ihre Autobiografie suggeriert, sie hätten sich zunächst kaum gekannt und seien erst später eher zufällig aufeinandergetroffen. Die Geschichte vom ersten Treffen und vom Weg auf die Bühne mit Chico lässt Raum für Spekulationen – und genau in diesem Raum entfaltet sich die Legende.

In ihrer Autobiografie und in zahlreichen Interviews erzählen Siegfried und Roy immer wieder eine ähnliche Version – mit leichten Variationen:

Der Steward Siegfried und der Page Roy beziehen auf dem Schiff gegenüberliegende Kabinen. Für seine Zaubershow ist Siegfried auf Unterstützung aus der Crew angewiesen und wendet sich dafür an die Pagen. Eines Tages treffen die beiden – so die Erzählung – auf dem Flur aufeinander. Siegfried spricht Roy an. Bis dahin hätten sie noch kein Wort miteinander gesprochen, heißt es in der Autobiografie. Der Auftritt verläuft wie gewohnt. Nach der Vorstellung fragt Siegfried:

Na, wie hat dir mein Auftritt gefallen?

Roy zögert – eine Reaktion, die für Siegfried ungewohnt ist. Dann rückt er mit der Sprache heraus und stellt schließlich die Frage, die zur Urszene des Duos geworden ist:

Kaninchen und Tauben kannst du verschwinden lassen … aber wie wär’s mit einem Geparden?

Siegfried antwortet – noch ohne von Chico zu wissen:

In der Magie ist alles möglich.

Der Legende nach begegnen sich beide auf dieser Reise danach nicht mehr. Das Schiff legt in New York an, fährt nach Bremerhaven zurück. Erst bei einer der nächsten Überfahrten – ob auf der BREMEN oder der BERLIN – klopft Roy eines Tages an Siegfrieds Kabinentür.

Foto eines Rettungsrings mit den Namen der Kreuzfahrtschiffe BERLIN und BREMEN, 1963-1964, geschmückt mit Weihnachtsschmuck.

Foto: NDL/MS BERLIN, Slg. Weißkopf © NDL / Hapag-Lloyd AG, Unternehmensarchiv.

Bevor ich etwas sagen konnte, legte er seinen Zeigefinger auf die Lippen und flüsterte, er müsse mir ein Geheimnis zeigen.

So erinnerte sich Siegfried in der Autobiografie. Er geht mit über den Gang, blickt in Roys Kabine:

... und da war die Bestie! Ich erstarrte vor Angst.

Roy erzählt, er habe Chico in Bremen aus dem Zoo geholt, den Geparden in einem Wäschesack oder – je nach Version – in einer Tasche an Bord geschmuggelt und so lange in der Kabine versteckt gehalten, bis das Schiff weit genug auf hoher See war, sodass der Kapitän nicht mehr umkehren konnte.

Von da an – so die eigene Erzählung – nimmt alles seinen Lauf. Die beiden wagen das Unmögliche und treten mit Chico auf. Siegfried will Roy beweisen, dass er die Herausforderung annimmt: Er kauft ein Steiff-Tier im Shop, ein Leoparden-Plüschtier, zerreißt es vor aller Augen – nur um kurz darauf, nach dreimaligem Drehen der Kiste, Chico aus eben dieser Kiste zu zaubern.

Es ist ein großer Erfolg. Das Publikum ist außer sich vor Begeisterung. Der Legende nach soll ausgerechnet der Kapitän der Einzige gewesen sein, der nicht beeindruckt war: Kurzerhand entlässt er die beiden – nur um sie nach Protesten des Publikums wieder auftreten zu lassen. In dieser Version markiert dies den Beginn ihrer großen Karriere.

Zwischen Fakt und Fiktion

Ob es sich genau so zugetragen hat? Teile der Geschichte werden stimmen, anderes hat sich in der Erinnerung vielleicht verschoben, verdichtet, zugespitzt. Der Podcast „Wildes Leben“ folgert:

Wie so oft basiert die Geschichte weniger auf Fakten als auf Legenden … auf dem bisschen Glitzer, das es braucht, um im Nachhinein zur märchenhaften Legende von Siegfried und Roy zu passen.

Letztlich ist sie selbst Teil der Illusion. In ihrer Autobiografie formulieren die Magier selbst:

Die Wahrheit ist die Lüge – die Lüge ist die Wahrheit.

Zeitzeugen wie der Page Werner Bresser, der sich die Kabine mit Roy teilte, berichten, dass sie Chico an Bord der MS BREMEN nie gesehen hätten:

Den Chico habe ich zu der Zeit nicht an Bord gesehen, und ich wüsste auch gar nicht, dass er an Bord war.

In ihrer Autobiografie verwechseln die Magier den Kapitän der BREMEN und der BERLIN. Später ist überliefert, dass Chico auf der BERLIN in einem Gehege an Deck untergebracht war.

Ganz gleich, welche Details exakt stimmen, irgendwann in dieser Phase der Kreuzfahrten wird sich das erste gemeinsame Zusammentreffen mit Chico ereignet haben – denn seit diesen frühen Auftritten gehörte der Gepard fest zum Programm des Duos.

Wir werden hier keine „neuen Wahrheiten“ behaupten, aber nuancieren. Fest steht: In den 1960er-Jahren kam Chico an Bord – und er war gekommen, um zu bleiben.

Die frühen Auftritte unter dem Titel „Magical Moments“ sollten nicht nur die Karriere von Siegfried und Roy, sondern auch das Showbusiness für immer verändern. Für den Auftritt mit Roy und Chico erhielt Siegfried nach eigener Aussage zum ersten Mal in seinem Leben „Standing Ovations“ – es sollte nicht das letzte Mal bleiben.

Die neuen Fotos als Beweis?

Im Fotoalbum von Albert Weißkopf sehen wir Siegfried und Roy zusammen mit Chico: bei ihrem Auftritt im Ballsaal. Der damalige Kapitän der MS BERLIN, Georg H. Will, und sein 1. Offizier, Albert Weißkopf, scheinen dem Tier deutlich zugewandter gewesen zu sein als zuvor dessen Kapitänskollege.

Chico durfte außerhalb der Auftritte sogar mit auf die Brücke – und gelegentlich auch auf den Dinnertisch. In ihrer Autobiografie berichten Siegfried und Roy, dass sie sich ein Zubrot damit verdienten, indem sie Passagierinnen und Passagiere gegen Bezahlung mit Chico fotografieren ließen. Wie viele dieser Aufnahmen mögen heute noch in privaten Fotoalben schlummern?

Für Albert Weißkopf bleiben diese Fahrten unvergesslich. In der Familie wird die Geschichte vom Zusammentreffen mit Siegfried und Roy zum geflügelten Wort und zum Teil der Familiengeschichte, und auch Horst Klemmer erzählt mit sichtbarer Begeisterung von dieser Zeit.

Das man mit denjenigen arbeitete, und ich hab sie angesagt, und es ist schon toll, ich bin schon auch ein bisschen stolz darauf. Das war ja auch ein reiner Zufall, ich hätte da nicht vorbeigehen können, wo die übten als Beispiel und dann wären die mit der Tasche wieder von Bord gegangen … und abgesehen davon waren sie unheimlich tolle Menschen.

Die Begegnung mit Siegfried und Roy habe bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Später sollte er sie noch viele Male wiedersehen, etwa im Circus Roncalli – und eine Gedenkmünze von ihnen erhalten.

Es ist gut möglich, dass die gemeinsame Zeit an Bord dazu beitrug, dass Klemmer selbst Karriere im Showbusiness machte: Er wurde später Manager der Unterhaltungslegenden Heinz Erhardt und Heinz Schenk und gründete den Miss Germany-Wettbewerb.

Damals auf der MS BERLIN – so berichtet er im Interview in Oldenburg – habe er die beiden Magier beim Üben beobachtet und sie auf eine gemeinsame Show angesprochen. Klemmer war als Conférencier für das Showprogramm auf der MS BERLIN engagiert. Da kamen Siegfried und Roy gerade recht.

Die Bar war zu klein, also verlegte er die Vorstellung kurzerhand in den Ballsaal. Die Entscheidung erwies sich als richtig: Die Show war rasch mit über 300 Gästen bis auf den letzten Platz besetzt. Es sollte nicht die letzte ausgebuchte Show der Magier sein.

Bis heute erzählt Klemmer fasziniert davon, dass Roy Chico an Bord geschmuggelt hatte. Seine Frau habe sich sogar getraut, den Geparden selbst einmal an der Leine zu führen.

Längsschnitt der MS BERLIN

Foto: DSM

Ausschnitt des Ballsaals auf der MS BERLIN

Foto: DSM

Interview zum neuen Fund

mit Horst Klemmer, Künstlermanager und Conférencier, hat Siegfried und Roy damals auf der MS BERLIN angesagt und Catharina Scarlatescu, Enkel von Albert Weißkopf und im Besitz der Fotos

Chico macht den Unterschied

Die Fotos aus dem Album Weißkopfs liefern den sichtbaren Beleg: Siegfried und Roy traten mit Chico an Bord der MS BERLIN vor Publikum auf.

So etwas hatte es bis dahin auf einem Kreuzfahrtschiff noch nicht gegeben. Chico machte den Unterschied. Chico machte die Sensation, die sie nach der Phase der Kreuzfahrten auf die großen Bühnen der Welt katapultieren sollte.

Siegfried formulierte es selbst später in einem Interview mit dem US-Sender ABC so:

In show business you don’t have to be only good, you have to be different. And Roy brought the different.

Die Geschichte, die wir hier erzählen – gestützt auf Fotos, Erinnerungen und Selbsterzählungen – liefert einen lebendigen Beleg für seine Einschätzung.

Vom Pagen zum Millionär

Siegfried und Roy auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs posieren mit ihrem weißen Löwen in ihrem Appartement in Las Vegas, Nevada.

Foto: Library of Congress, Prints and Photographs Division, photograph by Carol M. Highsmith, photographs in the Carol M. Highsmith Archive, reproduction number: LC-DIG-highsm-12087 (digital file from original), http://hdl.loc.gov/loc.pnp/highsm.12087.

Nach ihren ersten Auftritten an Bord von Kreuzfahrtschiffen tourten die Magier durch Deutschland und die Welt. Sie standen auf Bühnen wie derjenigen des traditionsreichen Hamburger Hansa-Varieté-Theaters und des Bremer Astoria-Theaters, bevor eine Europa-Tournee sie nach Monte Carlo führte. Dort traten sie 1966 in der Benefizshow „Gala des Rois“ vor Fürstin Gracia Patricia auf. Ihre Begeisterung für das Duo ebnete diesem den Weg in eine neue Liga des Showbusiness. Von diesem Moment an nannte Uwe sich nur noch Roy Horn.

Es folgten Engagements im renommierten Lido in Paris, im Tropicana in Las Vegas und in Puerto Rico. 1970 kehrten sie nach Las Vegas zurück und erhielten Engagements im Stardust, im MGM Grand und später erneut im Stardust.

Siegfried und Roy avancierten zu den bestbezahlten Künstlern der Stadt. Schließlich waren sie im New Frontier zu erleben.

They set Vegas on Fire!

So urteilte der Sender ABC und sprach von ihnen als ultimativen Showgrößen. Mehr als 15.000 Auftritte allein in Las Vegas, mehr als 25 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer. Es sind die Zahlen, die ihren Mythos bis heute tragen.

Als Antrieb nannten sie ihre Beziehung zueinander: Freundschaft, Liebe und Konkurrenz hätten sie stets angetrieben. In ihrer Biografie erklärten sie, lange Zeit ein Liebespaar gewesen zu sein, beschrieben ihre Verbindung im Alter aber als rein freundschaftlich.

Die Liebe zu ihren Tieren stellten sie – auch wenn diese bis heute nie frei von Kritik war – immer als Kern ihres Erfolgs dar.

Das tragische Ende ihrer aktiven Karriere markierte Roys Geburtstag im Jahr 2003, als der Tiger Mantacore ihn während einer Show schwer verletzte. Roy überlebte – doch die beiden beendeten daraufhin ihre Bühnenlaufbahn. Horst Klemmer, der sie später in Deutschland wiedertraf, zweifelt bis heute daran, dass der Tiger Roy töten wollte:

Was die beiden aufgebaut haben, das war ja schon wirklich sehenswert … die haben mit den Tieren gelebt, mit denen gebadet, gekuschelt … deswegen glaube ich auch nie an die Version, dass der [Mantacor] ihm was wollte … er hat ihn rausgezogen. … Wenn er ihn hätte töten wollen, hätte er durchgebissen … man konnte damals sagen: Niemand war so eng mit Tieren – wie Siegfried und Roy.

Wie bereits im Fall der Geschichte von Chico werden sich auch um diese schicksalhafte, tragische Szene weiter die Legenden ranken.

Derzeit entsteht bei einem Streamingdienst eine Serie über die Geschichte von Siegfried und Roy, mit Jude Law und Andrew Garfield in den Hauptrollen. Ob auch die Zeit an Bord der MS BERLIN, mit Chico und den ersten „Magical Moments“, ihren Weg in diese neue Erzählung findet?



Dr. Lucas Haasis ist Historiker und Senior Fellow (Gerda Henkel Stipendiat) am Deutschen Schifffahrtsmuseum.

Björn Menke ist Schauspieler und Autor aus Oldenburg.



Kontakt für Presseanfragen: l.haasis@dsm.museum



Ein besonderer Dank der Autoren gilt Martina Fähnemann vom Unternehmensarchiv der Hapag-Lloyd AG , Berit Saidani vom Staatsarchiv Bremen, Henrike Benjes und Nicole Werner für die Fotografien, Deike Stolz für die redaktionelle Hilfe, Antje Schmidt und Sebastian Vehlken für Beratung, Isabella Hodgson, Marleen von Bargen, Niels Hollmeyer, Pablo v. Frankenberg und dem ganzen Team hinter der Sonderausstellung „Tiere an Bord“ für das Vertrauen, Harald Focke als Experte zur BREMEN und BERLIN, an den Rüstringer Heimatverein, Marie Ella Will als Tochter von Kapitän Will, Horst Klemmer, Sebastian Welp von Welp Media , Taylor Hafenmeister und inbesondere Catharina Scarlatescu, dass wir diese besondere Geschichte erzählten durfen.

Quellen und Links

Es handelt sich um eine Auswahl – an Literatur, Dokumentationen und Podcasts.



Literatur

Fischbacher, Siegfried / Horn, Roy Ludwig: Siegfried und Roy. Meister der Illusion. Die Geschichte eines Welterfolgs (Autobiographie). Düsseldorf 1992.

Focke, Harald: Im Liniendienst auf dem Atlantik. Neue Erinnerungen an die Passagierschiffe BERLIN, BREMEN und EUROPA des Noddeutschen Lloyd. Bremen 2006.

Focke, Harald: Mit dem Lloyd nach New York. Erinnerungen die Passagierschiffe BERLIN, BREMEN und EUROPA. Bremen 2004.

Mitterer, Simone Martina: Siegfried Fischbacher – ein Rosenheimer in Las Vegas. Haus der Bayerischen Geschichte, Archiv, Biographien. Regensburg 2020.

Podcast

Wildes Leben – Die magische Geschichte von Siegfried & Roy, Bosepark Productions 2022. https://wildes-leben.podigee.io

Dokumentationen

Siegfried & Roy: The Magic, the Mystery, Fernsehspecial. ABC 1994.

Siegfried & Roy: Die Meister der Illusion in 3D. Magic Box Production 1999.

Siegfried & Roy: Behind the Magic. ABC News 2020.

Siegfried & Roy: Zwei deutsche Legenden Doku. Christian Jakob für ZDF-History 2021.

Siegfried & Roy: Ein Leben für die Illusion. Christian Jakob für ZDF und Arte 2026.

Presse-Artikel

In pictures: The magical lives of Siegfried & Roy, CNN 2021: https://edition.cnn.com/2021/01/14/entertainment/gallery/siegfried-and-roy

Er entdeckte Siegfried und Roy: Oldenburger erinnert sich an Magier-Duo, NWZ 2021: ttps://youtu.be/5El3vMkHlBY?si=sTcvhVY43831GZeu

Werner Bresser aus Bremerhaven erzählt von seiner Zeit auf See mit Roy von "Siegfried und Roy", Nordsee-Zeitung 2021: https://youtu.be/ss0wCj9upDk?si=l9fmpmy7W3yxS4Oc

Hollywood – Diese Stars übernehmen die Hauptrollen in der "Siegfried und Roy"-Serie, Stern 2026: https://www.stern.de/kultur/film/siegfried-und-roy--ihr-leben-wird-in-hollywood-verfilmt-37072898.html